Ansprache Was denken Sie über Schafe? Sie sind alle gleich? Gleichen einer folgsamen Masse? Sie haben keinen eigenen Willen? Sind leichtgläubig und leisten keinen Widerstand? Sie lassen alles mit sich machen: laufen dem Hirten hinterher, lassen sich melken, scheren, schlachten …?
In der Kirchengeschichte wurde das Bild des Hirten, der diese Schafe hütet, nicht selten auf die kirchliche Obrigkeit bezogen. Auch heute noch haben die Bischöfe einen Stab, der an den Hirtenstab erinnern soll. Lange Zeit wurden die Gläubigen so geführt und behandelt: wie unmündige Schafe. Sie sollten der Kirchenleitung folgen und bitte keine Widerworte geben, geschweige denn aus der Masse ausscheren.
Wie geht es Ihnen, wenn Sie sich nun vorstellen, dass Sie ein solches leichtgläubiges und willenlos folgendes Schaf in unserer Kirche sein sollen?
Doch stimmt das? Ist es das, was das heutige Evangelium uns sagen will? Stimmt dieses Bild, das viele von Schafen haben, überhaupt mit der Realität überein?
Nein, dieses Bild von Schafen und Gläubigen ist nicht nur sehr negativ, sondern auch falsch.
In Wirklichkeit sind Schafe sehr intelligent. Sie können nicht nur ihre Artgenossen an Gesicht und Geruch erkennen, sondern erkennen Menschen sogar über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren. Sie folgen nur ihnen bekannten Menschen und können diese unter anderem an ihrer Stimme erkennen. Wenn also eine fremde Person versucht, eine Schafherde zu rufen, werden die Schafe dieser Person nicht folgen. Die Schafe vertrauen nur dem Hirten.
Außerdem haben Forschungen ergeben, dass Schafe lernfähig sind und ein gutes Gedächtnis haben. Sie sind unter anderem in der Lage, Entscheidungen zu treffen, aus Fehlern zu lernen und haben einen guten Orientierungssinn. Sie können sich Wege und Plätze merken. Darüber hinaus können sie sehr gut hören und sehen und sind sehr wachsam. Sie haben sogar ein Gesichtsfeld von 320 Grad.
Zudem sind Schafe sozial und solidarisch. Sie pflegen Freundschaften, kommunizieren untereinander und geben dabei auch Wissen und Erfahrungen weiter – beispielsweise, wenn das Gras an einer bestimmten Stelle besonders gut schmeckt. Sie können Gefühle empfinden, spüren Wetterumschwünge und halten als Herde zusammen.
Und es ist auch nicht jedes Schaf gleich. Jedes Schaf hat einen individuellen Geruch, ein einzigartiges Blöken und einen eigenen Charakter.
Schafe waren die ersten Nutztiere des Menschen und sind bis heute auf allen Kontinenten außer der Antarktis zu finden. Dies ist möglich, weil sie sehr anpassungsfähig, zäh und vielseitig einsetzbar sind: Wolle, Milch, Fleisch. In ihrer Tätigkeit als „Rasenmäher“ pflegen und erhalten sie außerdem Landschaften und schützen die Natur. Das macht sie für die Menschen damals wie heute sehr wertvoll und zu einem treuen Begleiter.
Wie geht es Ihnen nun, wenn Sie all das über Schafe wissen? Hat sich Ihr Bild verändert?
Ich denke, in diesem Bild können wir Gläubige uns leichter verstehen.
Zum Glück hat sich das Bild von Schafen und Hirten mittlerweile auch in der Kirche gewandelt und wird in kirchlichen Strukturen immer deutlicher.
Wir sind keine willenlose Masse, sondern hörende, prüfende und antwortende Menschen. Aus einem über viele Jahrhunderte gelebten „Wir sagen euch, was richtig ist“ wird mehr und mehr ein „Wir hören gemeinsam“.
Wir hören auf das Wort des Evangeliums, wo es heißt: „Die Schafe hören meine Stimme“. „Hören“ bedeutet in diesem Sinne immer mehr als gehorchen. Es meint aufmerksam zu sein, sich innerlich ansprechen zu lassen. Es heißt zu prüfen, was das, was ich aufgenommen habe, mir für mein Leben sagt. Und es bedeutet, Antwort zu geben.
Das Bild des „guten Hirten“ ist nicht umsonst eines der ältesten biblischen Bilder für die Beziehung Gottes zu uns Menschen.
Der gute Hirte sorgt für seine Schafe. Er ist für sie da und sie sind ihm wichtig. Er passt auf, damit keins verloren geht. Er ruft sie beim Namen, kennt und sieht jedes einzelne.
Das Bild des guten Hirten spricht eine tiefe Sehnsucht in uns an: Wir wünschen uns einen, der uns sucht, wenn wir uns verirrt haben. Der uns trägt, wenn wir nicht mehr können. Der bei uns bleibt, wenn es schwierig wird.
Anders als es das Sprichwort „Sei kein Schaf“ sagt, sage ich heute: Seien wir wie Schafe – hören wir aufmerksam, prüfen wir und handeln wir.
Amen.
Ich bin die Tür für die Schafe. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet. Es wird ein- und ausgehen und Weideland finden. (Joh 10,9)
🧭 Ein persönlicher Gedanke dazu
Was mich daran besonders berührt:
👉 Schafe folgen nicht blind. 👉 Sie folgen, weil sie vertrauen. 👉 Und dieses Vertrauen entsteht aus Erfahrung.
Das ist ein Unterschied, der oft verloren geht.
Vielleicht gilt das nicht nur für den Glauben. Sondern auch für viele andere Bereiche:
für Verantwortung
für Gemeinschaft
für Entscheidungen
Und ja – auch für das, was wir aktuell gesellschaftlich erleben.
Zwischen Zutrauen (nach vorne gerichtet) und Vertrauen (gewachsen aus Erfahrung)
liegt oft genau dieser Raum des Prüfens.
🐑 Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft
Nicht: „Sei kein Schaf.“
Sondern:
👉 Sei aufmerksam 👉 Prüfe 👉 Höre hin 👉 Und entscheide bewusst
Denn jetzt zeigen sich die Dinge, die wirklich zählen:
Welche Themen werden priorisiert?
Was wird zur Chefsache gemacht?
Wo übernimmt jemand selbst Verantwortung?
Und was wird delegiert – und mit welchem Ergebnis?
⚖️ Vertrauen entsteht durch Taten
Vertrauen entsteht nicht durch Worte. Nicht durch Ankündigungen.
Sondern durch:
👉 sichtbare Entscheidungen 👉 konsequentes Handeln 👉 und den Umgang mit Verantwortung
Genau das beschreibt auch die Apostelgeschichte:
Auf das Hören folgt die Tat.
🧠 Zurück zum Bild der Schafe
Vielleicht ist das die Brücke zurück zum Bild der Schafe:
Schafe folgen nicht einfach irgendwem.
👉 Sie prüfen. 👉 Sie erkennen. 👉 Und sie vertrauen – wenn Erfahrung da ist.
🌱 Ein Gedanke zum Mitnehmen
Vielleicht leben wir oft genau in diesem Spannungsfeld:
Zwischen dem, wem wir etwas zutrauen
und dem, wem wir wirklich vertrauen können.
Und vielleicht ist genau das der Raum, in dem wir:
aufmerksam bleiben
prüfen
Erfahrungen sammeln
und Verantwortung übernehmen
🐑 Am Ende bleibt
Nicht blind folgen. Aber auch nicht misstrauisch stehen bleiben.
Sondern:
👉 hören 👉 prüfen 👉 handeln
Und daraus Vertrauen wachsen lassen.
Der Beitrag behandelt den Guten Hirten Sonntag in der katholischen Kirche und reflektiert die Bedeutung von Schafen als Sinnbild für Vertrauen, Aufmerksamkeit und eigenständige Entscheidungen.
Er basiert auf einer Predigt von Theresa Weber und verbindet persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlichen Fragestellungen.