Die Schafe auf dem Marktplatz – eine fast vergessene Geschichte Sindelfingens
Wer heute über den Sindelfinger Marktplatz geht, denkt vermutlich an Wochenmarkt, Veranstaltungen, Cafés oder das Rathaus.
Kaum jemand ahnt jedoch, dass sich an genau dieser Stelle früher einer der größten Schafställe der Stadt befand.
Im Rahmen unserer kleinen Sindelfingen Week sind wir auf eine historische Karte aus dem Jahr 1830 gestoßen. Deutlich erkennbar ist dort ein großer Gebäudekomplex auf dem damaligen Viehmarktplatz – ein Schafstall von beeindruckender Größe.
Damals war Sindelfingen noch eine deutlich kleinere Stadt.
Wo heute das Rathaus steht und Menschen einkaufen, arbeiten oder sich begegnen, prägten damals Landwirtschaft und Viehhaltung das tägliche Leben.
Der Viehmarkt als Zentrum des Lebens
Die historische Karte bezeichnet den Platz noch als „Viehmarkt-Platz“.
Das überrascht kaum.
Denn Landwirtschaft war über Jahrhunderte hinweg ein wesentlicher Bestandteil der wirtschaftlichen Grundlage vieler Familien.
Tiere gehörten selbstverständlich zum Stadtbild.
Nicht irgendwo außerhalb.
Sondern mitten im Leben.
Mitten in der Stadt.
Der große Schafstall auf dem Viehmarkt war Ausdruck dieser Bedeutung.
Nach Einschätzung von Stadtarchivar Klaus Philippscheck standen dort spätestens gegen Ende des 18. Jahrhunderts vermutlich auch Merinoschafe.
Diese galten damals als besonders wertvoll, da ihre feine Wolle in ganz Europa geschätzt wurde.
Als die Stadt größer wurde
Doch Städte verändern sich.
Mit dem Bau des Rathauses um die Mitte des 19. Jahrhunderts und der Entwicklung des Viehmarktplatzes zu einem neuen städtischen Zentrum änderte sich auch das Bild Sindelfingens.
Der Schafstall wurde abgerissen.
Nicht weil Schafe plötzlich unwichtig geworden wären.
Sondern weil neue Anforderungen an die Stadt entstanden.
Verwaltung, Handel und öffentliche Räume rückten zunehmend in den Mittelpunkt.
Oder wie Klaus Philippscheck treffend formuliert:
„Er passte nicht mehr ins Bild.“
Und heute?
Vielleicht liegt genau darin eine interessante Parallele zur Gegenwart.
Auch heute fragen wir uns immer wieder, welche Rolle Landwirtschaft, regionale Erzeugung und Tierhaltung in unseren Städten noch spielen sollen.
Die Schafe sind längst vom Marktplatz verschwunden.
Die Erinnerung daran jedoch nicht.
Wer heute über den Marktplatz läuft, bewegt sich damit auch über einen Ort, an dem über viele Generationen hinweg Schafe gehalten wurden.
Ein Stück Stadtgeschichte, das fast vergessen wäre.
Und vielleicht ein schöner Gedanke:
Die Verbindung zwischen Sindelfingen und den Schafen reicht deutlich weiter zurück, als man zunächst vermuten würde.

